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09.05.2017
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Der Inquisitor von Tagis Gnaden

David Meister, @davemeist

Der Lehrauftrag für den kritischen Historiker Dr. Daniele Ganser an der Universität St. Gallen (HSG) sorgt bei den Transatlantikern in Basel und Bern für Feuer im Dach. Anonyme Experten und der Sektenjäger Hugo Stamm, raten der HSG, die Zusammenarbeit mit Ganser zu beenden.

Daniele Ganser ist in aller Munde. Für eine grössere Aufmerksamkeit sorgte der Schweizer Historiker bei seinem letzten Gastauftritt in der SRF-Sendung «Arena». Der Sender versuchte bereits zu Beginn, den Historiker mit einer diskreditierenden Einleitung aus der Fassung zu bringen. Das Fass zum Überlaufen brachte der Moderator Jonas Projer, der historische Zusammenhänge angeblich besser Bescheid zu wissen vorgab als der promovierte Wissenschaftler. Das aggressive Gebaren Projers gegen den Schweizer Historiker bescherte dem Schweizer Fernsehen auch einen neuen Beschwerde-Rekord mit fast 500 Beanstandungen.

Die Stimmung gegen Ganser wurde vergangene Woche weiter angeheizt, nachdem die «Ostschweiz am Sonntag» Gansers Lehrtätigkeit an der HSG unter die Lupe nahm. Das Blatt zitierte kritische Wortmeldungen über Gansers Lehrauftrag «Geschichte und Zukunft von Energiesystemen».

Die HSG-internen kritischen Stimmen wollten ausnahmslos nicht namentlich erwähnt werden. Die einzige Person der HSG, die sich namentlich zu Wort meldete, war Caspar Hirschi, Leiter des Kontextstudiums an der HSG und damit Verantwortlicher für die Lehrveranstaltung von Ganser. Er verteidigte die Anstellung Gansers und betonte, er verstehe die HSG als Denkplatz, auf dem eine offene Auseinandersetzung mit kontroversen Denkern möglich sein soll. Zudem traue er es den Studierenden zu, Argumente kritisch zu reflektieren.


Ganz anders sieht dies der umstrittene Sektenjäger des Tages-Anzeigers, Hugo Stamm. Der Fachjournalist für Verschwörungstheorien glaubt, dass die HSG mit der Lehrtätigkeit des kritischen Schweizer Historikers ihren Ruf riskiere. Er fordert, dass sich die HSG von Ganser distanziert. Stamm meint,

«Es ist scheinheilig, wenn Caspar Hirschi sagt, man könne von Studierenden erwarten, dass sie fähig seien, Argumente kritisch zu reflektieren. Zuerst soll er dies von seinem Dozenten Ganser verlangen.»

Der Sektenjäger verleugnet die Elite-Uni als Denkplatz und aberkennt den HSG-Studierenden eine offene Auseinandersetzung mit kontroversen Denkern.

Nachdem von den Leitmeiden eine Politik der Gleichschaltung gelebt, Nachrichten selektiv gesendet und Pluralismus und Recherche als gefährlich betrachtet werden, sind Querdenkener wie Daniele Ganser eigentlich ein Licht am Horizont. Mit dem Internet ist der Geist der Aufklärung ohnehin aus der Flasche und die Anstrengungen zur Zensur durch Politik und Mainstream-Medien ist ein Kampf gegen Windmühlen.

Vielleicht sollten Herr Stamm und weitere verunglückte Pressesprecher lernen, etwas unbequem zu werden und selber kritische Fragen zu stellen. Immerhin zahlt man ihnen Geld dafür. Wohl viele Leser in der Annahme, es sei für Journalismus und Recherche, und nicht für ein erstarrtes Weltbild oder eine Pressemitteilung aus Washington. Sollte dies für den «Inquisitor von Tagis Gnaden» oder Herrn Projer aussichtslos sein, wäre es vielleicht ratsam, den Richterhammer mit einer Angel zu tauschen. Zeit dafür wärs.

(dm)


Der Beitrag repräsentiert die Standpunkte des Autors und nicht zwingend die Sicht der Redaktion.